Monday, May 7, 2012

Damit die Hose trocken bleibt...

Amerika ist ein fantastisches Ferienland. Und dieser Eröffnungssatz ist durchaus ernst gemeint. Man steigt, nach langem Flug, in den voluminösen, bequem zuhause georderten Mietwagen (allenfalls ins Wohnmobil) und braust los in in eine der vier Himmelsrichtungen. Ab in die grenzenlose Freiheit.
Über Highways und Freeways. Strassen so breit wie nirgendwo. Man wechselt die Spuren im munteren Rhythmus: Rechts, links, innen, aussen. Stets das nächste Ziel vor Augen: Ein Hotel. Eine Stadt. Vielleicht eine windige. Den nächsten Starbucks. Ein Denny’s. Einen Naturpark, ein totes Tal, einen grossen See, vielleicht auch einen salzigen, den Schlüssel im Westen, der eigentlich im Süden liegt, ein Flugmeeting, den grossen Apfel oder das Wüstenheer der einarmigen Banditen.
Ach - das Land ist riesig, die Destinationen vielfältig, die Möglichkeiten unbegrenzt. Mein Blog viel zu klein.

Wo immer wir uns bewegen, was immer wir tun – das amerikanische Sicherheitsdenken begleitet uns rund um die Uhr. Wer regelmässig über den Atlantik scheppert, weiss was ich meine. Doch es geht nicht nur um Sicherheit. Vielleicht im Grundsatz, aber nicht ausschliesslich. Möglich auch, dass ein bisschen Besserwisserei im Spiel ist. Ausser Zweifel steht, dass die Amis echte Controlfreaks sind.  

Please do, please don’t, please go, please move...
Switch on, switch off, hold on to… and make sure you...

Sie geben vor, was zu tun ist; die Verantwortlichen vom öffentlichen Verkehr, ebenso die Betreiber der Freizeit- und Themenparks. Und alle, Amerikaner wie Ausländer, lassen sich, wie die Schafe in der Herde, an- und einweisen. Geduldig. Oft schmunzelnd, selten blökend, manchmal etwas befremdet, vereinzelt mit diskretem Kopfschütteln. Wer dergestalt berieselt wird, schaltet irgendwann seine Denkmaschine ab, hört einfach nicht mehr zu. Damit verfehlt – vielleicht - die Absicht ihr Ziel. Trotzdem – ich bleibe dabei: Amerika gehört zu den Top-Feriendestinationen.

Nach einem Besuch der immer wieder bezaubernden Disney-Welten brummt einem der Schädel. Shows und Bahnen haben den Körper rotieren, den Geist staunen lassen. In keinem Land dieser Welt wird subtiler choreografiert oder mirakulöser inszeniert.
Am Abend, nach zehnstündigem Pendeln zwischen Pluto, Goofy und Screamin‘ California bringt uns die Bahn zurück zum Besucherparkplatz. Und kaum beginnen die Räder zu drehen, dröhnt eine kräftige Männerstimme aus den Lautsprechern:
Ladies and gentlemen, this train is about to depart. To make the journey as safe as possible please keep your head, arms, legs and feet inside at all times. If you have small children make sure they are properly seated.

Dann rattert das Züglein los. Nicht viel schneller als im Schritttempo.

In a few minutes we will be arriving at our parking complex. We ask you to exit the train towards the center area of the square. But before you do so, please gather all your personal belongings and make sure you leave nothing behind.

Nach kurzer Fahrt erreichen wir unser Ziel.

We are now reaching the parking area Mickey and Minnie. As the roof clearance is tight please keep your head down and watch your step when leaving the train. We thank you for visiting Disneyland and we wish you a safe return home. And please make sure you buckle up before starting the engine of your car…(Danke für den Gratistipp. Auch der Hersteller meines Mietwagens hat daran gedacht und lässt bei losem Gegurte unbarmherzig die Glocken bimmeln)

Müde und von den Eindrücken überwältigt verlasse ich – den Kopf gesenkt, die tückische Stufe im Auge behaltend – das Züglein. Der Strom der anderen Besucher hastet an mir vorbei und lässt mich ratlos und unbeweglich stehen. Nichts geht, irgendetwas fehlt. Dann – endlich – nach langem Warten, vernehme ich in der Ferne die bekannte Stimme:

…once you step on the ground start walking. Just put one foot in front of the other. Always keep your eyes up and make sure your path is free of obstacles. When approaching your car reach for the key in your pocket and unlock the doors… start the engine only after all passengers are safely seated and their belongings are properly and securely stowed in the rear. And for everybodys safety please make sure all doors are closed...

Die Stimme wird schwächer. Die Worte drohen mir zu entgleiten. Shhht – ich lausche angestrengt, wage kaum richtig zu atmen.

...and now, dear visitors, it’s time to go to bed. In order to keep the costs for public health as low as possible we recommend you carefully wash your hands and brush your teeth before going to sleep.

And – most importantly - please make sure you unzip your zipper before going for your good night pee…   


5 comments:

  1. Hey Dide! Ja das Vorgekäue stimmt einen mit gesundem Menschenverstand ausgerüstetem Schweizer schon ein wenig nachdenklich.....ich war mit der Family bei den Griechen und da ist es wohl das pure Gegenteil von Amerika.Fragt sich jetzt was normal ist....Die amerikanische, die griechische oder die Schweizer denkensweise? Liegt dies im Auge des parteiischen Betrachters? Oder kannst Du mir da als multikulti Expat auf die Sprünge helfen? Ich wünsche Dir nach den Ferien en guete Start;-) Gruess Dani

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    1. Letztlich beruht das Ganze ja auch auf der individuellen Betrachtung jedes oder jeder Einzelnen. Und diese - die Betrachtung - wiederum ist geprägt von der Kultur (was immer man darunter verstehen mag) und den Werten unserer Herkunft und Erziehung.
      Deshalb scheint mir die Verwendung der Begriffe "normal" oder "richtig" in diesem Zusammenhang sehr heikel. Was gut und/oder vernünftig ist für mich, muss es für andere nicht unbedingt sein.
      All das macht ja den Umgang mit Menschen anderer Länder und Kulturen so interessant. Und dabei ein waches Auge auf Unterschiede bei Sitten und Gebräuchen zu behalten ist der erste Schritt zu einer differenzierten Wahrnehmung.

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  2. ...wie es scheint brauchst du auch in den Ferien jemanden, der dir sagt was du zu tun hast ;-)

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    1. ...und wenns denn nur das Navi des Mietwagens ist...

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  3. Gut beschrieben, bzw. umschrieben; das Phänomen staatsbürgerlicher Entmündigung.

    Es grüsst
    Crowi
    volljährig

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