Tuesday, January 17, 2012

Schoggitour

Das wahre Übel des Linienpiloten ist nicht der Schlafmangel sondern seine Lizenz. Genauer, die Haltbarkeit derselben.
Mit sechs Monaten überdauert meine Berufszulassung zwar sämtliche Joghurts und Milchtüten in unserem Kühlschrank, doch jedesmal wenn ich mich in die Vorbereitung für den nächsten Simulator-Check stürze will mir scheinen, ich hätte eben erst die durchgeschwitzten Hemden der letzten Übung in den Wäschekorb geworfen und die ausgemergelten Unterlagen im Altpapier entsorgt.

Wen wundert’s also, dass im Vorfeld des anstehenden Checks kaum Freude aufkommt. Die Vorbereitung wird mit jedem Jahr umfangreicher. Heute benötige ich allein einen halben Tag, um mir im Gestrüpp sämtlicher Manuals, Bulletins und Infos die gültigen Unterlagen zusammenzusuchen. Der erste Schritt ist harzig, kostet Überwindung. Es droht die Flucht in die Ablenkung. Unwichtiges wird vorgeschoben.
Da kommt mir die Hilfe von der anderen Seite des Mikrofons mehr als gelegen. Eine Einladung des TWR-Mädels zum Besuch des heiligen „Dübi-Bunkers“. Jener Stätte, in der die Lotsenzunft choreografiert und ihre unsichtbaren Fäden spinnt, nach denen grosse und kleine Flieger Tag für Tag um den Flughafen Zürich tanzen.
Selbstverständlich folge ich dieser Einladung noch so gerne. Schliesslich ist es lange her seit meinem letzten Besuch im Radarraum, der sich zu jener Zeit noch im Kontrollturm auf dem Flughafengelände befand.

Den Sohnemann im Schlepptau warte ich am Samstag vor der Eingangspforte des modernen skyguide-Gebäudes auf Einlass. In der Hand eine mit Schokolade gefüllte Einkaufstasche. Das TWR-Mädel holt uns ab. Gemeinsam schreiten wir durch leere Gänge (es ist Wochenende) und gelangen schliesslich in wunderbare Aufenthaltsräumlichkeiten, derer sich auch ein Wellnesshotel der gehobenen Klasse nicht zu schämen bräuchte. Kurz: Ich bin beeindruckt bevor es richtig los geht mit Funken und Radarieren.  

Wenig später dann ist nicht mehr viel zu spüren von der Gemütlichkeit der ersten halben Stunde. Lotsenstress. Wir sitzen einen halben Meter hinter dem TWR-Mädel. Ihresgleichen versucht, auf einem, von unzähligen Linien durchzogenen Radarschirm Ordnung in einen Haufen grüner Punkte zu bringen. Dabei handelt es sich um Flugzeuge, die in Zürich anfliegen und landen wollen. Ungleich in Grösse und Geschwindigkeit, penetrieren sie den zu kontrollierenden Luftraum vom Osten und aus dem Norden. Es ist die Aufgabe unserer Protagonistin, vor ihrem ultramodernen Radarschirm sitzend, den ungleichen Fliegerschwarm in drei Dimensionen zu ordnen. Sie tut dies durch die individuelle Zuteilung von Flughöhe, Kurs und Geschwindigkeit. Ihre Sprechkadenz ist eindrücklich. Dazwischen wird mit den Kollegen links und rechts koordiniert. Denn in Kloten wird nicht nur gelandet. 
Die Schönheit der Schweiz in Ehren, aber irgendwann zieht es Touristen und Geschäftsleute wieder zurück in ihre Heimat. Ausserdem pflegen auch Helvetier dann und wann zu verreisen. Die startenden Flugzeuge zeigen sich als blaue Objekte auf dem Radar. Mitten im grössten Rummel wollen zwei Maschinen den gesättigten Zürcher Luftraum auf der Nord-Südachse durchfliegen. Doch auch das bringt die Radarequippe nicht aus der Ruhe. Das Mädel und die Jungs – erinnert irgendwie an The Beauty and the Beast(s) – arbeiten konzentriert, wirken jederzeit locker und souverän. Der Umgangston ist kameradschaftlich entspannt. Interessiert lauschen die beiden Besucher den Ausführungen ihrer Gastgeberin. In der nächsten Sekunde heisst sie eine anfliegende KLM, 30 Grad nach rechts zu drehen und auf 6000 Fuss abzusinken.
Jede Anordnung, jeder Kurs- oder Höhenwechsel, das „Readback“ der Piloten oder das Ausfahren der Landeklappen sind Teile eines fragilen, bei jedem Anflug neu geschnitzten Puzzles. Erst mit der Landung wird die letzte Lücke geschlossen. Alles passt! Auch heute. 
Nach einer Stunde, die uns wie zehn Minuten scheinen, lichten sich die Zeichen auf dem Radarschirm. Ein Schluck aus der (Wasser)Flasche. Bald gehts in die erste Pause.

Das TWR-Mädel hat sie verdient.

Unsere mitgebrachten Schöggeli verfehlen übrigens ihre Wirkung nicht. Mit Speck fängt man Mäuse, mit Schokolade Fluglotsen. Sind eben auch nur Menschen. Die Tüte ist noch halb voll, als wir uns am Abend verabschieden. Die Wirkung des Mitbringsels hält an bis zum folgenden Tag. Nach unserem Start Richtung Montreal erlässt uns Departure Control die Zickzack-Fliegerei der Standard-Abflugroute und schickt uns auf direktem Weg zum Ausflugpunkt. Und der freundliche Kollege auf der nächsten Frequenz entschuldigt sich gar dafür, dass kein weiteres Direct to möglich ist.

Beim nächsten Besuch des Lotsenteams werde ich mit dem Laster vorfahren, bis an den Rand gefüllt mit Schokolade. Das dürfte mir dann wohl die eine oder andere Kurve bis zur Pensionierung ersparen...   

13 comments:

  1. Happy Birthday btw.... Gruss von einem der in "Blindflug Abu Dhabi" den Bericht über die HSBC Hotline genauer gelesen hat.... :-))

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  2. @Anonymous: Genau gelesen, richtig - aber möglicherweise nicht ganz genau erinnert...
    Die Gratulation kommt ein bisschen früh. Ich freue mich trotzdem! Vielen Dank!

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  3. Oops.... Muss ich nochmals nachlesen....��. War mitte Dezember fertig damit und habe wohl ein "Gnusch" mit den Daten... War aber gut gemeint ��. Knapp daneben ist halt auch vorbei.

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  4. Keine Sorge, du liegst nur knapp daneben. So nah, dass die Gratulation alleweil gilt!

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  5. ..."The Beauty and th biest(s)"... das nächste "direct to" sei dir jetzt schon gewiss ;-)

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  6. … wenn ich dann mal gehe, dann nehme ich wirklich Speck mit. Muss gestehen, dass ich jedesmal Kopfschmerzen bekomme, wenn ich dem Wirrwarr auf dem Radarschirm folgen möchte. Mit mir als Controller wäre ZRH etwa so effizient wie – .... – sagen wir mal CDG.

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  7. Ich fürchte, es gibt küftig ein Schoggi-Wettrüsten im Radartempel. Und wer nicht genug Duputat bringt, bekommt auch ein "Direct", allerdings ein "Direct to Hell" :-)

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  8. @nff: Ich schlage vor, wir alle bleiben, wo wir sind: Die Lotsen am Mik und die Piloten am Stick.
    Gratulation übrigens zum bestandenen TC-Check!

    @Tweety: Mit dem Wettrüsten könntest du recht haben. Schoggi, Wein, Zigaretten... möglich ist alles.
    Das "Direct to Hell" aber gibts nur einmal. Hoffentlich nach der aktiven Pilotenzeit...

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  9. 8tung: Anonymous kommt wieder. Nach eingehender Konsultation des interessanten Abu Dhabi Werkes mit dem richtigen Datum ausgeruestet. Alles Gute, Gesundheit und Zufriedenheit im neuen Lebensjahr Herr Eppler. Beste Gruesse von einem EX-Expat...

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  10. Lieber Anonymous, jetzt passt's perfekt! Herzlichen Dank, ich werde mir grösste Mühe geben, die Vorgaben zu erfüllen...

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  11. ... lese dein Blog (beide) seit Beginn weg und hätte mich echt gefreut dich bei uns in Dübi kennen zu lernen. Ich war übrigens der, der dann am Dienstag in aller Herrgottsfrüh am Funk "LX87 guete morge, no delay..." gesagt hat ;-) Das Schöggeli war übrigens sehr fein.

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  12. @Ivo: Wirklich schade. Aber ich komme wieder. Irgendwann. Möchte auch gerne den TWR besichtigen. Nachträglichen Dank für den freundlichen Empfang am Dienstagmorgen. Hat alles toll geklappt! Swiss Radar, Zurich Arrival - immer wieder ein "coming home"!

    Aber wieso schreibst du beim Schöggeli in der Einzahl? Sollte mindestens für zwei gereicht haben. Anyway - gern geschehen. Ihr habt's verdient.

    Bis zum nächsten Mal!
    Gruss

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  13. Immer wieder gerne, schliesslich werden wir bei den Observer-Flügen ja auch entsprechend empfangen und behandelt.

    Zu den Schöggeli, es hatte zum einen nicht mehr so viele und zum anderen waren/sind ja auch noch andere da. Da kann man nicht alles wegfuttern :-)

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